Eingang.
Um die Vortrefflichkeit ihres Seelenbräutigams zu schildern, bedient sich die Braut im Hohenliede unter andern auch Kap. 2, V. 3 eines Bildes, indem sie sagt: Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Söhnen, und setzt hinzu: Ich sitze unter dem Schatten, deß ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle süße. Ein Apfelbaum übertrifft die wilden Bäume zwar nicht in seiner äußern Gestalt, aber doch in seiner Frucht. Haben auch jene ihre Frucht, so ist sie doch nicht für Menschen, sondern nur für’s Vieh, das daran sein Futter und Mastung findet. Haben jene eine ansehnliche Gestalt, so hat dieser desto mehr Erquickendes und Liebliches. Wir gestehen, Christus selbst und die wahren Christen bieten hienieden eine weniger glänzende Gestalt dar, als die Welt, von welcher, wie Christus selbst gesteht, sein Reich nicht ist. Dasselbe ist sogar ein Kreuzreich und das Kreuz auf mannigfaltige Weise damit verwebt. Aber wie viel kommt im Natürlichen und Geistlichen auf den Geschmack an. Was des einen Eßlust reizt, ekelt oft einen andern an. Und wie der neue Mensch ein ganz anderes Gesicht und Gehör, so hat er auch einen ganz andern Geschmack wie der alte. Auch hier sind sie wider einander. Dem alten Menschen ekelt die Einfalt des Evangeliums an, die dem neuen so willkommen ist. Jener wird desselben bald überdrüssig, ja es lehnt sich alles wider dasselbe auf, und dieser wird sein nie satt, sondern es ist ihm wie das Salz, das fast an keiner Speise fehlen darf, wenigstens an derjenigen nicht, woran einigermaßen Erwachsene sich sättigen sollen. Darüber ist nun nicht zu streiten. Wer keinen neuen Menschen hat, wie soll der desselben Geschmack besitzen? Die Braut hatte denselben und redet demselben gemäß. Außer Christo, dem Apfelbaum, erschien ihr alles wie wild, herb und ungenießbar. Hat, genießt sie ihn, kann sie alles entbehren, - hat, genießt sie ihn nicht, so kann nichts sie befriedigen. Sie muß ihn wieder haben, oder sie ist, wie es V. 5. heißt, krank vor Liebe. Seine Frucht ist ihrer Kehle süße. Und welche schmackhafte Frucht ist der Friede mit Gott durch unsern Herrn Jesum Christum, ist die Freude und Ruhe in Gott als dem freundlichen Vater, ist das Lossein vom bösen Gewissen, ist das wahrhaftige Herz und der völlige Glaube und die völlige Liebe, welche die Furcht austreibt, und der vertrauliche Umgang mit Gott, wo Geist mit Geist umgehet. Hier saß sie. Sie hatte auch wohl gesessen in Finsterniß und Schatten des Todes. Es hatte wohl nach Kap. 4,8. zu ihr heißen müssen: Tritt hervor von den Wohnungen der Löwen und den Bergen der Leoparden. Aber wie lieblich ist’s hier! So schenkt der Herr den Seinen auch von Zeit zu Zeit ihre Pniels und lieblichen Lagerstätten, wie Israel zu Elim.
Text: 2. Buch Mose 15,27.
Einen Monat hindurch ohngefähr sind die Kinder Israel nun auf ihrer Reise gewesen; den 15ten des ersten Monats zogen sie aus Egypten und gegen den nämlichen Tag des zweiten Monats kamen sie an diese lustige Lagerstätte. Es ist ihnen den Monat hindurch seltsam genug gegangen, so seltsam, daß wir uns neulich beinahe entschlossen hätten, die ganze Reisebetrachtung aufzugeben, wie sie denn auch selbst anfangen, des Reisens überdrüssig zu werden. Von Raemses aus ging’s immer rechts vom nächsten Wege ab, bis an’s rothe Meer. Von da an bessert’s sich leider noch immer nicht. Es geht auch diesseits dem rothen Meer noch immer rechts ab. Erst bei der 9ten Lagerstätte giebt’s eine Schwenkung links auf Canaan los. Das ist ja erfreulich zu hören. Hoffentlich wird nun wohl nichts dazwischen kommen. Zar geht’s auf die Schrecken Sinai’s los. Indessen auch die gehen vorüber und hinter demselben geht’s doch wieder gerade fort nach Canaan. Doch wir wandeln im Glauben. Wir haben uns einmal entschlossen, mit nach Canaan zu reisen. Also vorwärts, mag’s denn auch gehen, wie es geht – vorwärts. Wir haben uns überreden lassen, weil Er uns überredet und übermocht hat, und ihm unser Herz übergeben. So wollen wir uns denn nicht weigern, unsern Augen seine Wege wohlgefallen zu lassen, wie sauer es uns auch werden möchte. Sein Angesicht ziehe nur mit uns und vor uns her. Er leite uns nur nach seinem Rath und nehme uns endlich mit Ehren an, so wollen wir’s nicht achten, sollte uns auch Leib und Seele verschmachten. Geht’s das einemal kümmerlich, so geht’s doch das anderemal wieder leidlich oder gar lieblich und fröhlich her. Beides aber hat keinen Bestand. Die Güte Gottes aber ist alle Morgen neu und seine Barmherzigkeit währet für und für.
Die lieben Kinder Israel mögen sich nach den Vorgängen zu Mara wohl nicht viel Gutes versprochen haben. Und sehet, es geht ihnen über Erwarten gut. Da mögen sie wohl das Vertrauen gefaßt haben, nun werde es nächstens noch besser gehen und immer besser. Sie haben ja nun Gott kennen gelernt. Er hilft aus den äußersten Nöthen. Er weiß Rath, wo sonst kein Rath ist. Was braucht sich nun das Nämlich immer wieder zu erneuern? Und es geht ihnen darauf wieder über Erwarten schlecht! Wie? sollen sie denn so baar nichts erwarten, den Herrn ganz machen lassen, sich ihm ganz unbedingt übergeben, und weder in guten noch in bösen Tagen denken: es ändert sich nicht? – Es hat dazu ganz das Ansehen.
Sie kommen also zur 5ten Lagerstätte und die hieß Elim. Das Wort deutet auf eine Mehrzahl und heißt: die Starken, die Helden, die Beherzten. Daher ist El auch einer von den göttlichen Namen, und namentlich einer von den Namen, welche Jes. 9. dem Wunderkind beigelegt werden, wo es El Gibbor heißt: starker Gott, wiewohl Luther übersetzt: Kraft, Held, welches jedoch auf eins hinauskommt. Das Wort Elim erinnert auch an Widder, welche eine Bild der Stärke sind, welche sie besonders im Kopf haben, und an Hirsche, welche sich wohl gern an diesem schattigen lustigen und wasserreichen Ort einfinden und aufhalten mochten. Dieser Ort wird von den alten und neuen Schriftstellern als ungemein anmuthig beschrieben. Seine Anmuth wird auch gewiß dadurch ungemein erhöht, daß er mitten in einer ungeheueren und unfruchtbaren Wüste liegt, als wäre er durch ein Wunder dahin verlegt, als ein Beweis der göttlichen Allmacht, welche mitten in einer solchen Einöde einen Lustgarten anlegt. In neuern Zeiten hat ein englischer Reisender daselbst noch 9 klare Wasserbrunnen angetroffen, die 3 andern aber waren versandet. Der Palmbäume aber waren etliche tausend. So hatte sich entweder ihre Anzahl vermehrt, oder Moses erwähnt nur der 70 Vorzüglichsten, ohne damit sagen zu wollen, daß keine mehr da gewesen seien. Palmbäume gehören zu den merkwürdigsten Erzeugnissen des Pflanzenreichs im Morgenland, und ihrer wird bekanntlich oft in der Schrift gedacht. Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum, heißt’s Psalm 92. Auch vergleicht der Bräutigam Hohel. 7. die Sulamith mit demselben. Er ist ein Baum, welcher sehr wohlschmäckende und erfrischende Früchte bringt, namentlich die Datteln. Diese Frucht bringt er zu jeder Jahreszeit reif, wie man auch stets unreife an ihm findet, welches er mit verschiedenen andern Obstbäumen gemein hat. Wie wurden sich die Kinder Israel an dieser erquicken. Er wirft sein Laub nie ab, wie andere Bäume, sondern ist zu jeder Zeit eben so grün als fruchtbar. Auch haben seine Blätter eine ansehnliche Größe und Gestalt, - eine angenehme Augenweide für die Kinder Israel, die lange nichts als nackte Felse, Sand und Kies gesehen hatten. Sie wachsen sehr hoch und grade in die Höhe, sind aber doch bequem zu ersteigen, da ihre äußere Rinde eine Art von Leiter bildet. Sie erreichen ein sehr hohes Alter und wenn man sie auch abhauet, so schlagen doch die Wurzeln wieder aus. Noch bemerkt man von dem Palmbaum, daß er um so mehr empor strebt, wenn man ihn mit einer schweren Last belegt, und sich immer in die Höhe arbeitet, wenn er wieder gehalten wird. Seine Zweige dienen als Freuden- und Siegeszeichen, daher wird uns auch Offenb. 7. die triumphirende Gemeine im Himmel, als mit Palmen in den Händen geschildert. Im Tempel selbst war eins um’s andere ein Palmbaum und ein Cherub abgebildet. Und dieser schönen Bäume waren zu Elim eine ganze Menge. Hier war gut sein, hier hätte man Hütten bauen mögen.
Die Aehnlichkeit zwischen den Palmbäumen und Christen, wird eurer Andacht nicht entgehen.
Diese Lagerstätte dient zum Beweise, daß das wahre Christenthum nicht blos Leiden, sondern auch Freuden mit sich führe, daß es nicht blos zur Verläugnung, zur Geduld und Aufnahme des Kreuzes auffordere, sondern auch Annehmlichkeiten gewähre, welche in dem Maße und der Lauterkeit außerhalb dem Christenthume nicht gefunden werden. Schmerz und Seufzen müssen von Zeit zu Zeit weg und Freud’ und Wonne ergreift die Gläubigen. Wird der Palmbaum eine Zeit lang niedergehalten, - der Druck läßt nach und der Baum schnellt seiner Natur nach wieder in die Höhe. Daher ermuntern die Gläubigen sich auch oft in ihren Leiden mit der gewiß und bald darauf folgenden Freude. Was betrübest du dich, so redet David seine Seele an, was betrübest du dich, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, daß er mir hilft mit seinem Angesicht. Freue dich nicht, meine Feindin, daß ich danieder liege, ich werde wieder aufkommen, sagt die Kirche Micha 7., und Petrus versichert: ihr werdet euch freuen mit einer unaussprechlichen und herrlichen Freude; welches ja nicht allein von dem zukünftigen Leben zu verstehen ist. In dem Leben Jesu heißt es wenigstens einmal: Zu der Stunde freuete sich Jesus im Geist. Auch bei den Christen ist es mit der Freude sehr unterschiedlich. Zwar ist es ihre Pflicht, sich zu freuen, ja sich allewege zu freuen. In der That eine sehr angenehme Pflicht, zu deren wirklichen Ausübung aber gar mancherlei erfordert und die von den Gläubigen in sehr unterschiedlichem Maße geübt wird. Es gibt allerdings unter ihnen solche, welche als auf ebener Bahn geführt werden, deren äußere und innere Stellung, deren Temperament und körperliche Constitution, so wie die Gnade, die in ihnen lebt, sammt ihren Verhältnissen, zusammen wirken, um sie in einer gleichförmigen Heiterkeit fortwandern zu lassen. Sie sind eben so entfernt von besondern Leiden als auch von ausgezeichneten Freudenbewegungen und halten sich auf einer gewünschten Mittelstraße. Wiederum gibt es solche, die selten und nur für kurze Zeit recht froh werden und bei denen alles eben so ungünstig zusammenwirkt, wie bei jenen günstig. Wie seht ihr so traurig? Dies ist mehrentheils ihre Lage, und Seufzen oder auch Klagen ihr meistes Geschäft. Sie sind, wie der 102te Psalm sagt, wie ein Käuzlein, dessen Stimme rauh und ächzend ist, und wie ein einsamer Vogel auf dem Dache. Und Heman klagt Psalm 88., von Jugend auf sei er elend. Sie gleichen nicht den aufrecht stehenden, immer grünenden und fruchttragenden Palmen, sondern sie grünen nur wie das Gras oder gleichen einem zerstoßenen Rohr und glimmenden Tocht. Dies sind die verzagten Herzen, denen mit Nachdruck geboten werden muß, getrost zu sein. Jedes harte, strenge Wort, bringt sie an’s Zittern, und selbst der Trost muß ihnen auf eine sehr milde Weise dargereicht und zugedient werden, wenn er ihre Bekümmerniß nicht vergrößern soll. Sie gleichen den Personen von schwachem Gesicht, die nur ein sehr gemildertes Licht vertragen können, wenn sie nicht gar geblendet werden sollen. – Auch gibt es ängstliche, engherzige Seelen, die oft andern eben so sehr zur Plage sind wie sich selbst, und mit denen man viel Geduld haben muß, weil sie auch oft über andere kritisiren, und eigensinnig sind. Kleinigkeiten gelten bei ihnen häufig für Sachen von großem Gewicht, und sie gleichen jenen Leuten, die da sagten: rühre das nicht an, koste das nicht, während sie in wichtigern Dingen nicht selten allzu nachgiebig sind und in einen seltsamen Widerspruch mit sich selbst gerathen. Sie sind nicht nur so ängstlich für ihre eigenen Personen, sondern verlangen auch von andern, daß sie eben so unfrei und eng sein sollen wie sie. – Sollten diese weniger ängstlich, so sollten andere mehr gebunden und eingeschränkter sein, denn sie fallen in den entgegengesetzten Fehler und müssen vorsichtiger werden. Ihr Benehmen, ihre Reden und ihre Handlungsweise, hat zwar nichts ängstliches, aber etwas leichtsinniges, welches dem Christenthum eben so wenig oder noch weniger angemessen ist, wie jene Aengstlichkeit, zumal wenn sie auf eine dünkelhafte Weise auf jene herabblicket. Stellet euch der Welt nicht gleich, ist eine feststehende Regel des Christenthums, und man darf die christliche Freiheit nicht in einen Deckmantel des Bösen ausarten lassen, oder sie dazu mißbrauchen, dem Fleisch Raum zu geben. Es steht ohne Zweifel sehr bedenklich und mißlich um solche, welche sich ohne Beruf in jede Gesellschaft mengen, die weltliche Belustigungen, mögen sie auch nicht geradezu Sünde genannt und geradezu aus dem Worte Gottes als verboten, nachgewiesen, mögen sie auch auf eine scheinbare Weise entschuldigt werden können – mitmachen und es für gar nicht nöthig achten, sich auch im äußern Benehmen der Welt nicht gleich zu stellen. Dies alles verräth eine leichtsinnige Gemüthsart und stimmt nicht mit dem Ernst der Gottseligkeit. Sie soll nichts finsteres haben aber auch nichts leichtfertiges, und wenn ja eins von beiden sein soll, so ist das erstere noch besser als das andere. Evangelische Freiheit ist eine köstliche Sache, aber sie ist nicht ohne Gesetz, sondern im Gesetze Christi und von seinem Geiste geleitet. – Es gibt christliche Seelen, welche sehr starke Abwechselungen von Freud’ und Leid haben, wie wenn sie plötzlich aus dem strengen Winter in einen angenehmen Frühling und wieder aus dem lachendsten Frühling in die rauhste Jahreszeit übersprängen. Jetzt leuchtet ihnen das Kreuz Jesu Christi in der vollen Verklärung des Heiligen Geistes. Sie trinken sich satt aus dem krystallenen Strom, der von demselben ausgeht. Sie erblicken ihre Gnadenwahl in seiner heiligen Nägelmaal. Daß da die Missethat versöhnet, daß da die Sünde des ganzen Landes auf einmal weggethan, daß mit diesem Einen Opfer alles vollendet sei, liegt so klar vor ihnen, wie Kanaan vor Mose auf Nebo. Kein Zweifelslüftchen regt auch nur ein einzelnes Blatt, kein Luftzug kräuselt die spiegelglatte Oberfläche des Sees des Gemüths, in welchen sich die Gnadensonne in ihrer Pracht abmahlt, - kein unreines Gelüste trübt das klare Wasser und es steigt ein balsamischer Duft himmlischer Andacht, sanft empor. Aber es dauert nicht lange, so erneuert sich die Geschichte auf dem See Genezareth. Der Meister legt sich schlagen. Feindliche Winde erregen das Meer. Es füllt mit seinen wüthenden Wellen das schwankende Schiff und dem Anschein nach – ist der Glaube das erste, was sie mit wegspülen, wenigstens hört man nur das Angstgeschrei: Meister, Meister! wir verderben! welches eher dem Gekreisch der Verzweiflung als dem Angst- und Hülferuf des ringenden, zufluchtnehmenden Glaubens gleicht, so daß der Meister selber fragt: wo ist euer Glaube? – Wundersam nahe gränzt bei diesen Seelen Sommer und Winter an einander und sie befinden sich in dem einen oder andern, ohne daß man immer die Uebergänge und Staffeln nachweisen könnte. – Wie selten aber sind solche Seelen, welche, wie Jakobus sagt, also in das Gesetz der Freiheit durchschauen, daß sie in demselben beharren, - bei denen ein festgesetztes und einträchtiges Wesen begründet ist. Da ist’s freilich nur Gott, der uns im Christenthum befestigt. Es ist aber doch nichts unmögliches, sondern kann wohl von der Gnade verliehen werden, daß sie wirklich Paulo auf eine bleibende Weise nachsagen können: ich bin gutes Muthes in Schwachheit, in Schmach, Nöthen, Aengsten und Verfolgungen, denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. 2. Kor. 12,10. Ich bin gewiß. Es bedarf nur des Gebots: Schöpfet nun, so wird Jes. 12. erfüllet: jauchze und rühme, du Einwohnerin zu Zion, denn der Herr ist groß bei dir.
Die Freuden des wahren Christen haben einerlei Ursache, nämlich das Verdienst Christi und namentlich seine Traurigkeit und Thränen, seine Angst und Verlassenheit von Gott, dadurch hat er’s seinem Volke erworben, daß es sich freuen kann mit unaussprechlicher und herrlicher Freude. Wie er die Gnade hatte arm zu werden, wiewohl er reich ist, damit wir durch seine Armuth reich würden, so hat er, da er wohl hätte Freude können haben, sich der größten Trauer überlassen, damit wir durch seine Traurigkeit fröhlich würden. Er hat eine vollkommene Versöhnung gestiftet. Und so darf sich niemand wundern, wenn Sünder täglich und herzlich darüber fröhlich sind. Die Freude der Christen hat einerlei Ursprung. Nicht weltliche, irdische oder gar sündliche Dinge, nicht, was man erlaubte Vergnügen nennt, sind es, welche ihre Freude ausmachen, oder woraus sie entspringt. Es ist der Heilige Geist, der sie fröhlich macht. Sei Fröhlichmachen ist daher von äußern Dingen ganz unabhängig. Körperliche Beschwerden, die fest verschlossenen Thüren der Kerker, Martern – die ihnen angethan werden, können den heiligen Geist nicht wehren, daß er das Herz der Christen heimsuche, so daß der Gerechte auch mitten im Tode getrost ist, und in Banden Loblieder anstimmen kann. Daher ist’s eine Freude, die niemand von ihnen nehmen kann und die Christus seine Freude in ihnen nennt. Daher begreift aber auch die Welt ihr Vergnügtsein nicht, weil sie den heiligen Geist nicht kennt und nicht hat. Daher geschieht’s auch, daß Seelen, die so tief in’s Trauren und Zagen hineingerathen sind, daß sie nicht anders denken, als sie würden sich wohl nie wieder freuen können, doch oft, eh sie’s sich versehen, wieder mit Freuden gegürtet werden und ausrufen können: ich freue mich in dem Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils, und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet; wie einen Bräutigam, mit priesterlichem Schmuck gezieret, und wie eine Braut in ihrem Geschmeide sich geberdet. Uebrigens wirkt der Heilige Geist die Freude in einer heiligen Ordnung so nämlich, daß die Traurigkeit de Buße im Anfang, und allerlei Anfechtungen im Fortgang vorhergehen. Die Gedemüthigten und Erniedrigten werden erhöht und Christus ist nur die Traurigen zu trösten gekommen. Die Freude der Christen hat mehrere Veranlassungen. Jetzt breitet sie sich so weit aus, daß auch die Schönheit der Natur, der Segen in Gärten und Feldern, die Vorzüge der Lage, worin man lebt, die Befreiung von einer zeitlichen Plage u. dergl. das Herz zu einer heiligen Freude stimmt. Ein andermal ist es ein Buch, eine Predigt, ein Liedervers, ein Schriftspruch, ein Gespräch, welches solche liebliche Ausschlüsse gewährt, daß die Seele wieder in die Saiten ihrer Harfe greift, die sie an die Weiden gehangen hatte. Das heilige Abendmahl, die Vergegenwärtigung der Liebe Gottes, der Genugthuung Christi, die Betrachtungen der wunderbaren Wege des Herrn, können oft das Gemüth ungemein erheitern, weil der Freund durch diese Ritzen sieht. Zur andern Zeit bleibt es bei diesem allen dürr und trocken, zum Beweise, daß sie’s allein nicht thun, sondern der Geist es ist, der lebendig macht. Diese Freude der Christen hat auch bei ihnen allen, einerlei Wirkung. Die Freude am Herrn ist euere Stärke, sagt Nehemia. Wenn du mich tröstest, laufe ich den Weg deiner Gebote, spricht David, und wünscht: ach! daß ich dich mit fröhlichem Munde loben könnte. Wie er sagen konnte: Der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen, da sprach er auch: Lobe den Herrn, meine Seele, und alles was in mir ist, seinen heiligen Namen. Als die Galater sich so selig fühlten, hätten sie sogar die Augen aus ihrem Haupte wegschenken können, und die Hebräer erduldeten mit Freuden den Raub ihrer Güter und fröhlich gingen die gegeißelten Apostel von des hohen Raths Angesicht, weil sie würdig gewesen waren, um des Namens Jesu willen Schmach zu leiden. Mit Recht betet daher David: Dein freudiger Geist enthalte mich. Das ist zugleich ein williger Geist, der alles, auch das Schwerste leicht macht.
Wie erwünscht ist es denn, daß es doch von Zeit zu Zeit solche Elim’s gibt, und wer gönnt’s den Kindern Israel nicht, daß sie sich einmal ausruhen können, nachdem sie drei Tage lang auf einem beschwerlichen Kiesboden hatten wandeln müssen, ohne auch nur es Nachts eine ordentliche Ruhe genießen zu können. Doch dürfen sie sich hier nicht lange aufhalten, dann geht’s weiter.
Elim hat die angegebene Bedeutung der Starken. Aber wem wird denn dieser Name gegeben? Der Lagerstätte oder den Lagernden? Warum nicht vorzüglich den Letztern? Denn gewiß ist Israel stark. Hat es doch seinen Namen eben daher, daß es mit Gott und Menschen gerungen hat. Wie sollte es nicht stark sein, da es seine Stärke im Herrn hat, auf den es harret und so immer eine neue Kraft empfängt. Wer will es überwinden, da der Herr für es streitet, - wie sollte es nicht siegen, da der Herr selbst sein Schwerdt ist? Alle Dinge sind ja möglich, dem, der da glaubt. Und wie wollte es ihm auch gehen, wenn sie nicht so stark wären, da der Teufel, die Welt und ihr eigen Fleisch und Blut nicht aufhören, sie anzufechten? Ist zu irgend einer Sache, ist zu irgend einem Unternehmen, Stärke und Muth erforderlich, so ist es vorab zum Christenthum. Mögen alle Unternehmungen scheitern, mit dem Christenthum darf es uns nur nicht mißlingen, denn davon hängt ja alles ab, unser ganzes und ewiges Heil. Mögen Kriege mißlingen, Schlachten verloren werden, Flotten untergehen, Länder versinken und Städte verbrennen, - das sind zeitliche Dinge. Aber wenn Israel auch eine einzelne Schlacht verliert, so darf ihm doch sein Krieg nicht mißlingen, und sein Schiff muß, alles Ungestüms ungeachtet, den Hafen erreichen. Es hat also Kraft nöthig, und zwar eine alles überwindende und selbst unbesiegbare, sich stets erneuernde Kraft. Und die hat’s auch wirklich. Allem Zeuge, der wider dich zubereitet wird, soll’s nicht gelingen, und alle Zunge, so sich wider dich setzt, sollst du im Gericht verdammen; das ist das Erbe der Knechte des Herrn und ihre Gerechtigkeit von mir, spricht der Herr. In allem überwinden wir weit, - das ist ihr Heldenruhm. Elim, die Starken.
Was will uns nun der Teufel tun, wie grausam er sich stelle?
Rüstet euch ihr Völker und gebet doch die Flucht, beschließet einen Rath und es werde nichts daraus, denn hie ist Immanuel! – Ja, wäre Israel nicht in Elim gelagert, es wäre schon längst mit demselben aus gewesen, dermaßen, daß man vielleicht nicht einmal wissen würde, daß je ein Christus und Christen in der Welt gewesen. Jawohl, - wo der Herr nicht bei uns wäre, so sage Israel: wo der Herr nicht bei uns wäre, wenn die Menschen sich wider uns setzen, so verschlängen sie uns lebendig, so ersäufte uns das Wasser, Ströme gingen über unsere Seele. Psalm 124. Aber nun wird die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, denn Gott ist bei ihr darinnen. Psalm 46,5.6. Christen sind Starke, die was ausrichten.
Aber wiederum kann man auch vom Christenthume, wunderbarer Weise, sagen, daß zu keiner Sache weniger Muth, Kraft und Klugheit erforderlich sei, als zu dieser. Die Kundschafter, welche das Land Canaan verkundtschaftet hatten, sagten: wir sind wie Ameisen gegen diese Einwohner, und nachgehends sagt Gott selbst, es verhalte sich wirklich so. Josua widersprach dem auch nicht, behauptet aber, dessen ungeachtet wollten sie sie wie Brod fressen. In geistlicher Beziehung sagte der nämliche theure Mann nachher: ihr könnt dem Herrn nicht dienen, wiewohl er von sich und seinem Hause sagt: wir wollen dem Herrn dienen. Es mußte also keine Kraft dazu erforderlich sein, wie wäre es auch sonst wohl dem Paulus gegangen, der nicht tüchtig war, etwas zu denken, - dem David, der so ohnmächtig war, daß er nicht reden konnte, - dem Agur, der nicht wußte, was heilig ist, - den Römern, die nicht wußten, was sie beten sollten. Aber wenn wir sagen, zu keinem Unternehmen sei weniger Kraft erforderlich, so verstehen wir darunter eine solche Kraft, Herzhaftigkeit und Klugheit, welche man schon vorab besitzen und wie ein Kapital mit in den Handel einlegen müßte, also sie nicht bei Jesu zu suchen oder ihn dazu anzunehmen brauchte. Mein Rath und Kraft muß vielmehr ganz verschwinden, dann stehet mir die Allmacht bei. Seid stark, sagt Paulus, setzt aber hinzu: in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Der Herr ist mit dir, sagte der Engel zu Maria. Und das macht’s eben aus, da sagt der Apostel: ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus.
Der Wasserbrunnen waren 12, der Palmbäume aber 70; die Zahl der Wasserbrunnen stimmt mit der Zahl der 12 Apostel, und die Zahl der Palmbäume mit derjenigen der 70 Jünger überein, welche Jesus nach Lukas 10., neben jenen aussandte. Gleichwie nun den Kindern Israel alles zum Vorbilde geschah, also auch dieses. Ihre fünfte Lagerstätte bildet also das Evangelium ab, das zuerst von den 12 Aposteln und den 70 Jüngern gepredigt wurde und durch die Barmherzigkeit Gottes noch unter uns erschallet, daß es nämlich je gewißlich wahr und ein theueres aller Annehmung werthes Wort ist, daß Jesus Christus in die Welt gekommen ist, Sünder selig zu machen. Dies Evangelium bildet den wasserreichen, schattigen und lustigen Hain für die mühseligen und beladenen Seelen, die sich auf dem Kiesboden Etham’s abgearbeitet und an allem Mangel gelitten haben. Hier heißt’s zu ihnen: Eßt und trinkt euch satt. Hier fällt die Sommerhitze nicht auf sie. Das Gesetz mit seinen Forderungen und Drohungen ängstet sie nicht mehr, daß es zu ihnen hieße: Thue das, so wirst du leben, - verflucht aber sei, wer nicht alles hält, was geschrieben stehet in dem Buche des Gesetzes, daß er’s thue. Die Herrlichkeit der göttlichen Majestät blitzet ihnen nicht mehr als eine verzehrende Glut entgegen, die sie ausrufen macht: wehe mir, ich vergehe! – denn es zeigt sich der Brandopfers-Altar, worauf das Opfer der Versöhnung lodert und der Engel mit der Kohle, welcher sagt: Deine Missethat ist von dir genommen und deine Sünde versöhnt. Wie der Palmhain, ein Bild des Sieges und des Friedens, lieblich säuselt und die rieselnden Brunnen durch ihr geschwätziges Gemurmel angenehm ergötzen und stillen, und hie und da ein schlankes Reh oder ein prächtiger Hirsch trinkt und graset, so senkt sich unter der Siegespalme des Gekreuzigten und wieder Auferstandenen, ein balsamischer Frieden in die Seele, das schüchterne Reh wird herbei gelockt, der Hirsch, der so lange nach frischem Wasser lechzte, trinkt und alles was die Seele erblickt, erquickt sie zugleich. – Kurz, alles, was dieser Palmenwald entzückendes für Israel, nach einer so mühvollen Reise, haben mochte, das findet sich ungleich wesentlicher in dem Evangelium, sobald eine gedemüthigte Seele dasselbe im Lichte des Heiligen Geistes verstehen lernt.
Doch dies alles ist Canaan noch nicht, mag es auch ein geringer Vorschmack und ein matter Abglanz desselben sein. Was muß es um Canaan selbst sein, wo der krystallene Strom an beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt ist, welche zwölferlei Früchte tragen, wo keine andere Abwechselung statt findet, als nur eine solche, die den seligen Genuß erhöhet. Ja, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehöret hat, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieb haben.
Ja, wir reisen, wir reisen. Wir verlassen Egypten mit all seinem Gepränge und eilen Canaan zu. Zeuch uns nur, damit wir laufen.
Amen.
Quelle: Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan.